Kann es eigentlich noch Börsen-Crashs geben?

Intro

Dieser Artikel ist nur ein Ergebnis einer eigenen Betrachtung, da die Börsensituation nach praktisch ununterbrochenen Börsengewinnen reif für eine deutliche Korrektur erscheint. Gleichzeitig steht die Frage im Raum der sinnvollen Positionierung zum bisherigen Depot und zum Cash(-Aufbau). Alle Darstellungen stellen meine persönliche Meinung dar.

Unterscheidung zwischen Börsenkorrektur und Börsen-Crash

Aktienmärkte können in Bullenmärkten enorme Renditen erreichen. So ist bis zum Platzen der DotCom-Blase ab Oktober 1990 bis zum Hochpunkt März 2000 eine Wertsteigerung von 417% erreicht worden im S&P 500. Diese Steigerungen sind jedoch niemals ununterbrochen und linear erreicht und werden durch Börsenkorrekturen unterbrochen. Eine Börsenkorrektur wird ohne fundamentale Anpassungen durch die Psychologie der Börsenteilnehmer verursacht. Es sind dabei Wertverluste zwischen 10 und 20% in einem Wochen/Monats-Zeitfenster charakteristisch. Börsenkorrekturen sind dabei mit einer technischen Analyse (vor allem im Nachhinein) gut begründbar, haben aber oft ohne signifikante Nachrichten als Auslöser.
 
Die Charakteristik eines Crashs ist anders. Hier verändert sich die Situation fundamental und schnell. So war es ein unbekannter Virus mit dem Corona-Crash, der zu nicht einschätzbaren ökonomischen weltweiten Folgen führen konnte, so war es Lehmann Brothers den Niedergang des gesamten Finanzsektors befürchten ließ. Eine Prognose des weiteren Verlaufs der wirtschaftlichen Entwicklung erscheint hier für die Börsenteilnehmer nicht mehr möglich.  Ein Börsencrash tritt dabei niemals mit Ankündigung auf, sondern wird ausgelöst durch eine unerwartete neue Situation. Zur DotCom-Blase war es die Erkenntnis, dass die Wachstumsversprechen der Internet/Telekommunikationstitel mit Milliardenschweren Bewertungen schlicht nicht haltbar waren.
 
In der Geschichte führte dies zu enormen Marktrückgängen:
boersencrash und baerenmarkt historie
Das interessante an CRASHS ist, dass die Dauer mit durchschnittlich 20 Monaten im Schnitt weniger als halb so lang, wie die Bullenmärkte sind mit 54 Monate. Es ist somit wahrscheinlicher in einem Bullenmarkt zu sein, als in einem Bärenmarkt.  Somit ist es auch auf der Long-Seite deutlich lukrativer als auf der Short-Seite.
 

Psychologie im Crash

Es wirkt in dieser Form beschrieben, fast als dumm, in den vorhergehenden Crashs und Börsenkorrekturen nicht mit allen verfügbaren Mitteln investiert zu haben, oder?

Das Problem ist leider die Realität. Im Normalfall beginnt man nicht im Crash sich an der Börse zu engagieren, sondern hat bereits zuvor ein Portfolio aufgebaut. Bei Korrekturen > 10% leidet auch das eigene Portfolio. Liegt das eigene Depot damit bereits deutlich im Minus, ist es mit dem schwer verdienten und investierten Geld unglaublich schwer hier tatsächlich richtig zu handeln. Das vorhandene Geld war und ist bereits investiert gewesen und freie liquide Mittel werden in der Privat-Kasse auch benötigt. Diese negative Sicht, hier bereits auf Verlust zu sitzen, macht es eigentlich schwer in dem konkreten Moment erneut nochmals "gutes" Geld nachzuschießen. Besitzt man Vermögen oder hohe stetige Einkommen, mag diese Sicht anders sein. Nur in der Situation ist eher die Frage gestellt, was kann/muss ich jetzt noch verkaufen oder sitze ich es aus?

Da ich selbst mittlerweile 3 Börsencrashs ab 1999 miterlebt habe, kann ich es nur wiederholen. Die theoretische Sicht ist klar. Die tatsächlich erlebte Realität mit einem Depot, was vom Hochpunkt 30% und mehr verliert, bringt ein sehr schnell dazu noch in den Crash hinein seine eigenen Positionen zu verkaufen. Vor allem die schrittweise Realisierung der Konsequenzen der für den Crash verantwortlichen neuen Realitäten führt zu mehreren wiederkehrenden Realisierungs-Phasen:
  1. Phase 1 - die Schockstarre und die Verleugnung
  2. Phase 2 - die eigentliche Panikreaktion
  3. Phase 3 - Erschöpfung und das verfrühte Aufatmen
  4. Phase 4 - die realistische Einschätzung und die langfristigen Folgen
  5. Phase 5 - Kapitulation und Resignation
Hier bringt leider auch eine starke Diversifikation des eigenen Depots in den Asset-Klassen wenig. Die Asset-Klassen korrelieren heute in volatilen Börsenphasen extrem stark. Den vermeintlich sicheren Hafen hat es in den letzten stärken Kurskorrekturen leider nicht gegeben. Begründet wird dies immer wieder, mit der zwangsweisen Liquidierung zwischen den Asset-Klassen d.h. es werden Gelder freigemacht, um andere Positionen zu schließen. Da Positionen heute mit einem erheblichen Anteil gehebelt sind, gleichzeitig die Positionen immer stärker durch ETFs bestimmt werden, ergeben sich immer stärkere und schnellere Gesamt-Markt-Bewegungen. Der Hebel sorgt dabei für die Beschleunigung der Bewegung und die durch die ETF erreichte Klumpen-Bildung insb. auf den Indizes für eine entsprechende Harmonisierung der Bewegungen für komplette Indizes. Im Crash werden die Gelder nicht aus Einzeltiteln sondern aus den ETFs und Fonds abgezogen, was die Märkte dann ebenfalls gleichmäßig belastet.
 

Kann es heute eigentlich noch einen echten Crash geben?

 
Spätestens nach Corona und den massiven Billionenschweren Investitions-und Stützungsprogrammen der Regierungen und Notenbanken, fragt man sich ob es überhaupt noch zu Rückgängen von 50% und mehr kommen kann. Praktisch warten sehr viele Anleger doch auf eine neue Gelegenheit am Markt zu investieren bei praktisch kompletten Anlagenotstand. Spareinlagen führen zu einer realen Negativ-Verzinsung, Unternehmensanleihen besitzen praktisch keine Risiko-Prämie bei vollem realen Risiko und Immobilien-Investitionen bewegen sich auf einem Preis-Niveau, was ökonomisch und gesellschaftlich kaum noch Sinn ergibt. 
Was sind die Voraussetzungen für einen Crash ist dabei eine mögliche Hilfestellung, um zu beantworten, ob es heute überhaupt noch Crashs geben kann. Es wird oft geschrieben, dass nur mit einer vorhergehenden Spekulationsblase und Euphorie ein Crash entstehen kann. Dies trifft auf 1929, DoCom-Blase und die Finanzkrise zu. Der Corona-Crash erfüllt diese Voraussetzung nicht, es war das Unerwartete und nicht Einschätzbare.
 
Was kann daher passieren, was uns aus erneut aus der Bahn werden könnte (hypothetisch)? und dennoch in 2 Minuten zusammengeschrieben:
  • Neuartige Pandemie mit einem neuen Virus oder Mutation
  • Plötzliche Umwelt-Katastrophen mit starker Sichtbarkeit der Auswirkungen des Klimawandels evtl. mit der Erkenntnis von erreichten Kipp-Punkten
  • Ausbruch eines Kriegs-Szenarios unter Beteiligung der Supermächte USA und China
  • Zusammenbruch der EU nach politischer Neuausrichtung nach Wahlen
  • Erreichte Singularität einer menschlich erzeugten KI, die ab diesem Moment der menschlichen Intelligenz ebenbürtig ist und sich ab dann selbst verbessern kann und der technische Fortschritt nicht mehr durch den Menschen gesteuert wird. (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Technologische_Singularit%C3%A4t )
  • Zusammenbruch des Finanzsystems, nachdem mit exponentiellen Wachstum der Bilanzen der Notenbanken, die Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird
  • Kosmisches Ereignis mit massiven weltweiten Auswirkungen auf die Infrastruktur/IT-Systeme
  • Weltweiter Hacker-Angriff auf die Kernsysteme der Energie-Infrastruktur der Länder
 

Was ist eigentlich wenn wir unser Wirtschaftssystem für Nachhaltigkeit und bewusst minimal zu Leben umstellen müssen?

Schaut man sich verschiedene Analysen und CO2-Rechner an z.B. von https://uba.co2-rechner.de/de_DE/ wird man schnell feststellen, dass der Konsum einer der größten Treiber von CO2-Ausstoß bedeutet. Es lässt sich auch schlicht festmachen an den alle 2 Wochen zu leerenden Mülltonnen, die bis zum Rand voll gemacht werden.
 
CO2 RechnerDie Börse bewertet das potentielle Wachstum der Unternehmen. Nur was passiert eigentlich, wenn wir beginnen aufzuwachen und nachhaltig mit unseren Ressourcen umzugehen. Können wir uns es weiter in dieser Geschwindigkeit und dem Umfang zu konsumieren? Gewinnt hier am Ende nicht der Zeitwohlstand, statt der Güterwohlstand an Bedeutung. Muss sich das Kaufverhalten nicht zu sparsam ändern? Muss das entscheidende Kaufkritierium nicht die Langlebigkeit statt der Funktionalität sein? Muss ich nicht beginnen in einer Shared-Ökonomie zu leben und Gegenstände aus einem "Kreislauf" zu nehmen. Genau diese Fragen führen für mich aber dazu, dass komplette Wirtschaftsbereiche die auf Konsum von Gütern basieren hier unter dem Gesichtspunkt des notwendigen Wandels kein endloses Wachstum mehr vorlegen können.
 
Nun kann man Dienstleistungen zur Reparatur von gebrauchten Gegenständen anbieten, ebenso wie Beratung. Dennoch basieren die heutigen Geschäftsmodelle vor allem auf den schnellen und häufigen Verkauf von zu konsumierenden Gütern. Gerade Textilien/Mode/Chemie und Elektronik-Anbieter müssen einem Wandel unterlaufen.

Warum ist eine ausgewachsene Korrektur dennoch naheliegend?

Aktionäre und die Gefahr der Unerfahrenheit neuer Anleger

Kurz zu den Fakten nur für Deutschland: In 2020 haben +2.7 Mill. Aktionäre auf nun 12.4 Mill. mit insb. 0.6 Mill <30 Jährige (+70%) den Schritt an die Börse gewagt. Alle diese Anleger haben Börse praktisch als Einbahnstraße spielerisch verpackt mit TradeRepublic-Apps kennengelernt. Reddit-Foren haben den Weg zum schnellen Gewinn mit Aktien von AMC, BitCoin, DogeCoin usw. gebracht. Es wird daher spannend sein, wie sich diese Anlegergruppe in einer etwas unbequemeren Börsenphase verhalten wird. Durchhalte-Parolen in Foren ohne eigene Überzeugung und Verständnis für langfristige Investments werden meiner Meinung nach eher zu kurzfristigen Handeln verführen und die Volatiltät in zukünftigen Korrektur/Crash-Phasen deutlich erhöhen.

Buffett-Indikator

Der Buffett-Indikator ist eine Kennzahl, mit der Anleger beurteilen können, ob der Markt unterbewertet, fair bewertet oder überbewertet ist. Das Verhältnis wird gemessen, indem der Gesamtwert des Aktienmarktes eines Landes durch das BIP des Landes geteilt wird. Dieser Indikator zeigt aktuell den höchsten jemals gemessenen Wert an. Natürlich ist die heutige Situation eine komplett andere in den Jahrzehnten bevor :)!
Buffet Indikator
Betrachtet man hier dann die aktuellen Ergebnisse, so wird insb. auf Basis dieses Indikators eine Korrektur überfällig:
Buffet Indikator Status

Und was ist mit einem Crash?

Durch die aktuelle Situation an den Finanzmärkten, halte ich einen Crash aktuell für nicht naheliegend. Wie geschrieben ist es aber die Besonderheit von Crashs, diese nicht vorhersagen zu können, da das zugrundeliegende Motiv existenzverändernd wirkt und auch gedanklich nicht unter dem Motto: "Dies sitze ich bequem aus ..." laufen wird.

Die aktuell oft aufgeführten Argumente wie die aktuellen Inflationsgefahren und dessen Auswirkungen auf die Zins-Struktur der Notenbanken, werden Veränderungen der Portfolios in der Aufteilung der Assetklassen bewirken, aber keinen Crash. Sollte die Notenbanken jedoch Ihr gespanntes "Sicherheitsnetz" den Börsen entziehen und den Börsianer nicht mehr das Gefühl geben, die Notenbanken werden in einer entsprechenden Situation in jedem Fall stützen, dann wird es sehr ungemütlich. Aktuell sind größere Einbrüche mit diesem Stimmungsbild und der vorhandenen Liquidität für mich gedanklich ausgeschlossen (siehe Vorbehalte).

Sinnvolle Handlungsmuster in einer Korrektur und in einem Crash

 Publikationen wie von Beate Sanders beschwören mit Ihrer "Tief-und Mut-Strategie" die Chancen eines Crashs und betonen die notwendige Gelassenheit. Der Erfolg mit einem Gesamtvermögen von weit über 2 Millionen Euro (kurz vor Ihrem Tod) bei einem Startvermögen von 30T€ geben Ihr hier offensichtlich recht. Sie verfolgte die Strategie keine Titel in einem Crash auf dem Markt zu werfen. Sie nutzen Crashs um aktiv durch Umschichtungen weniger gefallener Titel und mutigen neuen Investitionen Ihr Portfolio wertvoll aufzubauen.  Dies klingt einfach und nachvollziehbar.
Kurz vorweg. Die nachfolgenden Ideen sind meine persönliche Meinung auf Basis von 21 Jahren Börsenerfahrung. Diese Gedanken sind Thesen die ich aus den Erfahrungen ableite und für mich selbst nutze. Sie sollten für sich selbst eigene Interpretationen und Muster finden. Gerne nutzen Sie meine Ideen aber als Inspiration.
 
Es bleiben dabei mind. folgend Optionen in einem Crash:
  • Aussitzen der bestehenden Verluste bzw. maximal Teilverkauf in einer sehr frühen Phase. Häufiges Umschichten bringt jedoch selten Rendite und die Idee hoch zu verkaufen und niedrig zu kaufen, klingt prima, ist in der Realität jedoch selten erreicht.
  • Neue Cash-Gelder aus laufenden Einnahmen schrittweise in wertvolle dann unterbewertete Titel zu investieren insb. wenn man unterstellt das Crashs im Durchschnitt 20 Monate dauern . Dies gibt bei konsequenter Fokussierung auf Vermögensaufbau dann plötzlich doch eine Perspektive. Der Investitionssparplan kann dabei mit fortschreitendem Drawdown sogar erhöht werden. Die Perspektive für die angelegten Gelder sollte aber dennoch > 5 Jahre sein. Das Geld DARF nicht benötigt werden, um Tage später dann wieder liquidiert zu werden. Dies lässt sich psychologisch nicht mit Essens-Geld durchhalten, da es nach dem Investition weiter heruntergehen wird. Sie werden nicht den Tiefstpunkt nutzen können!
  • Umschichten z.B. von Titeln insb. wenn dies aus Überzeugung tuen können d.h. sie investieren in die aus Ihrer Sicht langfristig interessantesten Unternehmen. Gehen Sie hierbei nicht zwingend nur von den Highflyer der letzten Jahre aus!
 
Wie bereits beschrieben ist zwischen Crash und Korrektur zu unterscheiden. Ein Crash lässt sich nicht vorhersagen und man sollte es auch gar nicht versuchen, da man sonst permanent durch die latente Angst gelähmt wird und sich seiner eigenen Rendite-Chancen beraubt.
 
Dennoch kann man sich zunächst auf "Korrekturen" systematisch einstellen:
  • Positionen bei sehr hohen Bewertungs-Niveaus stärker absichern mit Stopps. Positionen werden dann schrittweise automatisch aus dem Markt genommen. Dies sollte immer nur auf Teil-Positionen erfolgen, um nicht zu früh vollständig aus dem Markt zu sein insb. bei natürlichen Schwankungen bzw. stärker werdender Volatilität.
  • Permanente Cash-Reserven und -Positionen halten, die für eine "günstige" Markt-Situation genutzt werden können. Dieser Anteil ist variabel nach Lebens-Situation und wird nur genutzt für eine bewusste Schnäppchen-Jagd für schwache Wochen oder Monate. Diese Schnäppchen-Jagd fokussiert keine nervösen Zockerpositionen, sondern versucht den strategischen Aufbau von langfristigen Positionen im eigenen Depot.